Der nahe Blick

Anlässlich der Ausstellung „Opus Magnum“ möchten wir Sie einladen einen nahen Blick auf die 23 Vitrinen von Anselm Kiefer, die von assoziativ literarischen Geschichten, Gedichten und Essays begleitet werden, zu werfen.

Anselm Kiefer, Opus Magnum – Liliths Töchter, 2015, Kiefer-Sammlung Grothe im Franz Marc Museum © Anselm Kiefer, Foto: collecto.art

Anselm Kiefer - Liliths Töchter

ein Kleid aus Hanf eine Brust
ohne Kind Frau ohne Wunder
um sich gehüllt ein Weltgewölbe
Hohlraum geschorenes Haar
höre wie behaglich es sein muss
in den Häusern jenseits aber sie
Bewohnerin einer Stadt im Staub
hebt nur den Blick steigt nicht auf
trägt Blei aus und weiß nicht
wohin wer wollte schon wissen
wie viel Abgrund im Fliegen
wie viel Trauer im Himmel
zerbricht wie die letzte Erste
von ihnen ging mit gebeugtem
Rücken vom Körper vertagt
um im Flüstern emporzukommen
dennoch

Nora Bossong

 

Liliths Gewand hat einen weiten Rock, aus dem scheinbar unaufhaltsam kleine Kleider unterschiedlicher Größe herausfallen. Lilith gebiert zahllose Kinder. „Sie sammelt“, dem Mythos zufolge, „den Samen der Männer ein und macht daraus Teufelchen. Lilith ist das, was bei Faust der Geist ist, der verneint. … Sie ist keine Gegenbewegung, sondern das in Gott selbst enthaltene Gegenteil, die Personifikation des in Gott selbst enthaltenen Gegenteils.“ Aber Lilith, apokryphen Texten zufolge die erste Frau Adams, die sich ihm nicht, wie später Eva, unterordnen wollte, ist nicht nur negativ besetzt, sondern sie steht auch für die Befreiung der Frau aus patriarchalischen Strukturen, für Sinnlichkeit und Sexualität im Gegensatz zu Mütterlichkeit, Häuslichkeit, Unterwerfung.

Anselm Kiefer, Opus Magnum – Mohn und Gedächtnis, 2014, Kiefer-Sammlung Grothe im Franz Marc Museum © Anselm Kiefer, Foto: collecto.art

Anselm Kiefer - Mohn und Gedächtnis

Am 20. Juni 1949 schrieb Paul Celan aus Paris an die geliebte Ingeborg Bachmann in Wien: “…spät komme ich in diesem Jahr. Doch vielleicht nur deshalb so, weil ich möchte, dass niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße, auf Deinen Geburtstagstisch stelle.“
Textauszug Klaus Reichert (Anselm Kiefer, Opus Magnum, S.29)

„Der – wie in ungefährer Erinnerung – falsch geschriebene Titel der Vitrine „Moon und Gedächtnis“ bezieht sich auf den 1952 erschienen Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ von Paul Celan, eine Anthologie, die auch das Gedicht „Todesfuge“ enthielt, das sich metaphernreich auf den Holocaust bezieht.

Die Vitrine Anselm Kiefers, die mit einem oberhalb angebrachten Schild Paul Celan gewidmet ist, enthält ein Gewirr aus übergroßen Mohnblumen, das an den Brief der 22jährigen Ingeborg Bachmann denken lässt, die ihren Eltern schreibt, dass der Dichter Paul Celan sich in sie verliebt habe. Ihr Zimmer sei ein Mohnfeld, denn er überschütte sie mit dieser Blumensorte. Dieses Mohnfeld, so scheint es, lässt Anselm Kiefer aus einem aufgeschlagenen Buch aus Blei wachsen. Die Blumen ersetzen die Buchstaben und Schriftzeilen auf den leeren Seiten des Buches und verweisen umso eindeutiger auf dessen verlorenen Inhalt.“