Der nahe Blick

Wir laden Sie herzlich ein, einen „nahen Blick“ auf eine der 23, von Anselm Kiefer gestalteten Vitrinen, zu werfen. Begleitet wird der Bilder-Zoom von assoziativ literarischen Zitaten von deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Opus Magnum - San Loreto

»In einem Zeitungsinterview von 2008 hat Anselm Kiefer über seine Arbeit gesagt, dass Kunst und Geheimnis zusammengehören, und zwar derart, dass das Geheimnis etwas ist, „was der Künstler den Dingen beibringt“…

Schon der Titel San Loretto signalisiert also, dass wir es mit geheimnisvollen Gegebenheiten zu tun bekommen werden, und genau so ist es. Aber was genau sehen wir? Einen großen rundlichen Stein, der mit Draht umwickelt ist, darauf eine kleine Holzkirche mit Turm sowie daneben einen zweiten, umgestürzten Turm, und darüber wiederum  sehr groß das aus plattgedrücktem Draht bestehende Gerippe eines Engels, dessen Flügel keine Flügel sind, sondern ein Propellerflugzeug mit abgebrochenem Heck, und das alles umgeben vom Glas der Vitrine.

Das ist, was wir sehen.«

Michael Kumpfmüller

 

In der Wallfahrtskirche von San Loreto befindet sich das Haus, in dem Maria, die Mutter Jesu aufwuchs und in dem der Erzengel Gabriel ihr die Geburt ihres göttlichen Sohnes ankündigte. Der Legende nach wurde das Haus Mariae durch Engel auf wunderbare Weise von Nazareth nach San Loreto versetzt, in der Zeit, in der die Kreuzfahrer die Eroberung des Heiligen Landes erfolglos aufgeben mussten.

San Loreto hat mich immer sehr fasziniert.“, kommentiert Kiefer diese Legende, „Ich habe es zum ersten Mal auf einem Bild von Tiepolo gesehen, die Kirche, die bei Nacht von Nazareth nach San Loreto fliegt. Das ist natürlich eine wunderbare Vorstellung, die sehr modern ist: ein fester Körper, der sich bewegt, der sich auflöst und sich woanders aufbaut. Das ist eine genauso verrückte Vorstellung und Behauptung wie Mariens Jungfräulichkeit.“  Das Unwahrscheinliche der wundersamen Transposition wird in der Vitrine, die Kiefer zu dem Thema geschaffen hat, besonders anschaulich. Der riesige Stein ist durch ein Gewirr aus Drähten und Plastikbändern mit einem kleinen Flugzeug aus Blei verbunden, das über ihm schwebt und ihn mitsamt der winzigen Kirche, die auf dem Stein, wie auf einem großen Berg steht, transportieren soll: „Der Glaube und die Kunst können Berge versetzen, selbst wenn beides eine Illusion ist“, sagt Anselm Kiefer.

Opus Magnum - Tagebücher der Könige v. Juda

»Die Könige von Juda schrieben die Chronik der Stadt im Ghetto von Wilna.

Und im Warschauer Ghetto sammelten sie im Untergrund Zeugnisse.

Selbst auf der Todesinsel Auschwitz führten sie Buch. Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihnen, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen. Sie schrieben und jeder Buchstabe erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold.«

Gila Lustiger

 

Bleiern und schwer liegen die Tagebücher der Könige von Juda in ihrer Kiste. Es scheint unmöglich, sie herauszuheben und noch unmöglicher, sie zu lesen. Sie bergen Geheimnisse, Vergessenes und Verdrängtes, eine weit zurückliegende und zugleich bis in die Gegenwart reichende Geschichte der Juden, die der Erzählung des Alten Testaments zufolge von Juda, einem der zwölf Stammesväter Israels abstammen.

Diese weit zurückreichende zeitliche Dimension wird über die Materialität der Bücher vermittelt. Durch die Holzkiste, deren Deckel sich über dem Bücherstapel öffnet und nicht mehr schließen lässt, wird ihre bleierne Bedeutungsschwere mit der Gegenwart verbunden. Die gedruckte Aufschrift »Schneinder« scheint unter der handschriftlichen Bezeichnung Tagebücher der Könige v. Juda nur matt auf. Sie lässt sich jedoch nicht übersehen, so dass die beiden Schriftzüge sinnbildlich als die seit dem Holocaust untrennbare und tragische Verbindung des deutschen und des jüdischen Schicksals verstanden werden können.

Opus Magnum - Hirnhäuslein

»Es trägt die Welt in sich. Es kommt schon wissend über die Welt in diese, weil Weltwissen schon in seinen Strukturen, in seiner funktionellen Architektur verankert ist; Wissen, das im Lauf der Evolution erworben wurde, in den Genen schlummert und über das stetige Rinnsal einströmender Signale, Tag für Tag, Jahr um Jahr, ein Leben lang ergänzt und korrigiert wird. Am Ende weiß das Gehirn mehr über die Verfasstheit der Welt, als jede noch so reiche Flut von Sinneseindrücken zu vermitteln vermag.«

Wolf Singer

 

Im Grimm’schen Wörterbuch bedeutet Hirnhäuslein Schädel, das heißt die harte Hülle, das feste Gefäß, in das das empfindliche Gehirn eingeschlossen ist. Martin Luther bezeichnete den Schädel als Gefängnis und wunderte sich darüber, dass der Sitz des Glaubens und des Denkens in den Knochen des Schädels wie in einem Gefängnis eingemauert ist.  Sein Gedanke entspricht dem Bild, das Anselm Kiefer entwirft. In seiner Vitrine ist das Gehirn von einem annähernd quadratischen Gehäuse aus locker übereinander geschichteten Ziegeln umgeben. In den Seitenwänden dieses Hauses gibt es je eine Öffnung, aber nur wenn man durch das Loch in der Decke hineinblickt, sieht man das Gehirn. Es schwebt, umwickelt von Plastikbändern in seinem Gehäuse. Die Bänder verbinden das Gehirn mit der Außenwelt. Sie reichen aus dem Hirnhäuslein bis nach oben an die gläserne Decke der Vitrine und über sie hinaus.

Opus Magnum - Thor

»Nicht die geringste der Sünden,
die widerwärtigste, scheint mir,
ist jene, gewachsenen Mythos
in Dienst zu stellen eigener Macht;
die in den Gehirnen seit Urzeit
eingewachsenen Fäden, das
uns vertraute Rhizom, das eine
Ordnung war frühester Nachdenklichkeit:
dies zur Erhöhung zeitgenössischer
Herrschaft überzustreifen als eigenes
Kleid, sich darin mythisch zu recken.«

Gert Heidenreich

 

Von dem uralten Götterbild des hammerschwingenden Thors ist in Anselm Kiefers Darstellung nur ein über und über mit Farbe bespritzter grauer Kapuzenmantel geblieben. Stumm hängt er an der Glasdecke der Vitrine – leicht nach rechts geneigt, was ihm einen resignativen Charakter verleiht (soweit das bei einem Kleidungsstück möglich ist). Jeglicher Glanz dieser höchsten germanischen Gottheit ist verblichen. Thors Gewand wirkt staubig und schmutzig wie nach einem langen Arbeitstag auf einer Baustelle oder beim Wiederaufbau in einer Ruinenlandschaft.  Das Symbol seiner Kraft, ein stets in seine Hand zurückkehrender Hammer („Mjölnir“), liegt über einer Ansammlung von Schutt. In der Gegenwart hat der Wetter- und Donnergott Thor sein göttliches Charisma verloren. Die mit Herkules vergleichbaren Heldentaten Thors sind vergessen. Seine Herrschaft ist lange vorbei; sein Mythos hat alle Kraft verloren, seitdem Thor von der nationalsozialistischen Propaganda vereinnahmt wurde.  Seine Insignien werden zur stillen Mahnung, denn geblieben sind Schutt und Asche und eine leere Hülle.

 

Opus Magnum – Jakobsleiter

»Aber wie sehr wir uns immer noch nach Jakobs Traum sehnen, erkennen wir daran, dass jedes Kind, das eine Leiter sieht, den Impuls verspürt hochzuklettern, um oben etwas ganz anderes zu sehen, um einen ganz frischen Blick auf die Welt unten zu werfen. Und vielen Erwachsenen geht es natürlich ebenso, auch wenn sie leider nicht mehr den Ehrgeiz verspüren, sich reinigen, erleuchten und vereinigen zu lassen.«

Michael Krüger

 

Spiralförmig windet sich die Jakobsleiter nach oben bis ans Glasdach der Vitrine. Es ist eine instabile Hilfskonstruktion, ein Provisorium, dessen Vergleich mit der Himmelsleiter, die Jakob im Traum sah, gewagt erscheint. Auf Jakobs Leiter steigen Engel hinauf und hinab. Sie verbindet die Erde mit dem Himmel. In Kiefers Vitrine sind es Kleider aus Blei in unterschiedlicher Größe, die die Engel symbolisieren. Vergeistigte Schwerelosigkeit lässt sich mit ihnen kaum assoziieren. Einige sind abgestürzt und liegen zwischen den mit Stroh vermischten Tonklumpen am Boden. Oder sind dies die »Ungeborenen«, die zahlreichen Nachkommen Jakobs, die Gott ihm im Traum verspricht?

Sie sind in den Rhythmus des Lebens, wie Anselm Kiefer ihn versteht, noch nicht eingetreten. „Im Christentum hört die Geschichte irgendwann auf, es kommt einfach zur Eschatologie, zur Endgeschichte. Ich empfinde nicht, dass es ein Ende der Geschichte gibt. Ich glaube, dass es immer auf und ab geht, es ist ein ständiger Kreislauf.“, sagt Anselm Kiefer in einem Gespräch mit Klaus Dermutz.  Die Spiralform der Leiter erinnert an die DNA, den individuellen Code, der in jede Zelle aller Lebewesen eingeschrieben ist. Gleichnishaft verweist die Spiralform auf die umfassende Intelligenz der Natur, die die Evolution bestimmt, gleichgültig dem Menschen und seinem Schicksal gegenüber.

Opus Magnum – Die Wallküren

»Einige Flieger schießen begleitet von Wagners Musik in die Höhe, in den ausnahmsweise blauen, wolkenlosen Himmel über der deutschen Hauptstadt, und eine Stimme fordert auf hinzusehen: So werde die Formation nicht mehr zu sehen sein. Die Eleganz kurzer Landeanflüge. Der Feind, den die Stimme heraufbeschwört, warte nur darauf, die Maschinen bei längerem Zaudern in der Luft unter Feuer zu nehmen. Menschen treten an den Rand der Rasenfläche, ein kränklich-falb zerzaustes Feld, und betrachten wie in einem Zoo die metallenen Zerstörungsflieger. Noch einmal stieben sie auf, und jetzt, beschwört die Stimme, sei ein wunderbarer Moment, um ein Foto zu schießen. Es liegt kein Argwohn darin, und es ist das Jahr 2017, und die Kampfflieger tauchen durch die Luft nicht wie jene Totensammelnden Walküren aus einem kalten nordischen Himmel, unter dem Vernichtung liegt, sondern wie eine arglose Delfinherde, ist es nicht so?, und die kalten, glatten, allzu graden Fronten des ehemaligen Luftfahrtministeriums ducken sich so gut zwischen die anderen Gebäude, dass man sie ohne zu fragen hinnimmt. Die Gesichter der Walküren blicken noch aus den Spiegeln, und eine Mitarbeiterin zuckt kurz zusammen, als sie beim Händewachsen ihren Blick hebt. Aber das kann ja nicht sein.«

Nora Bossong

 

Die mit Farbe und Schlamm bedeckten grauen Gewänder der Walküren sind aus grobem Stoff. Sie wirken alt und abgenutzt. Wer glaubt nach dem Chaos der Geschichte noch an den Mythos der Walküren, an eine Macht, die die Fäden des Schicksals in der Hand hält, und sie sorgsam verwebt? „Man knüpft an längst vorhandene Schicksalsvorstellungen an“ sagt Anselm Kiefer, „an die Idee, dass jemand sein Schicksal knüpft, und bezieht diese Vorstellung als eine andere Möglichkeit der Daseinserklärung in sein Denken ein. Ich glaube nicht, dass die Nornen oder die Parzen das Schicksal bestimmen, aber es ist eine weitere Möglichkeit, das Dasein auf diese Weise zu sehen.“

Opus Magnum - Lapis Philosophorum

»Das Ei umhüllt den Stein, verschließt ihn und ersetzt ihn: kein Stein kann so schwer werden wie ein bleiernes Ei; nichts Steinernes kann jemals so gewichtig, so endgültig und unverrückbar vorhanden sein. Im Verhältnis zum Ei ist der Stein nur Zufall, Abwesenheit oder Trick.

Die Frage muß erlaubt sein, welcher Vogel, welches Luftwesen, welcher Engel ein solches Ei gelegt hat, denn nur so läßt sich bedenken, zu welchen Höhen der menschliche Geist sich hier aufschwingen will. Ein mächtiger, luftnaher Eiproduzent, oder doch eher eine Echse, ein Drache, der seine Eier in ein Nest aus Steinen legt, seine Eier im Feuer ausbrüten läßt. Eier, die an die Form einer Fliegerbombe gemahnen, Eier, aus denen jederzeit etwas Bedrohliches ausschlüpfen, herausbrechen, explodieren kann. Ein Drache also, der flüssiges Blei speit, Blei, das sich zu Platten verfestigt, erdschweren Flügeln, die alles zu Boden ziehen.«

Marion Poschmann

 

Die Suche nach dem Stein der Weisen beschäftigte die Alchimisten über Jahrhunderte. Ihr Ziel war die Verwandlung unedler Metalle in Gold. Dabei wurden komplizierte Theorien aufgestellt und komplexe chemische Prozesse initiiert. Der Stein der Weisen fungierte als eine Art Katalysator, als eine Wundersubstanz, die die Verwandlung und Veredelung garantieren sollte. Er konnte aber auch auf einer höheren, geistigen Ebene wirksam werden und Verjüngung und seelische Läuterung unterstützen.

Bei Anselm Kiefer nimmt der Stein der Weisen die banale und zugleich perfekte Form des Eies an. Das Ei steht für Fruchtbarkeit im natürlichen wie im geistigen Sinn. Über seiner unscheinbaren grauen Erscheinung steigt eine glänzende Dampfwolke auf, in blei gegossen und vielfarbig glitzernd, wie ein kostbarer, mit Edelsteinen besetzter Stoff. Hier vollzieht sich die eigentliche Verwandlung, in der immateriellen Erscheinung, die aus dem Ei hervorgeht: einem Gedanken, einem Traum, einer Erzählung, einer Erfindung oder der Schöpfung des Künstlers und Malers.

Opus Magnum – Moses 4.21, Die eherne Schlange

»Und was hat es mit der ehernen Schlange auf sich, die uns Anselm Kiefer zeigt? Mitten auf ihrer Wanderschaft ging wieder einmal ein Murren durch das Volk der Israeliter. Warum, frugen sie, habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk, die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben, sagte das Volk. Und Mose bat um Vergebung für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mach dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn einer von einer Schlange gebissen wurde, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. Und so erreichten sie schließlich das gelobte Land!«

Michael Krüger

 

Die Doppeldeutigkeit der Schlange, die im Alten Testament die Israeliten auf ihrer Flucht in der Wüste mit tödlichen Bissen heimsucht und die, aufgerichtet als Statue und Symbol, die Vergifteten wieder heilt, scheint in der Komposition dieser Vitrine mehrfach auf. Die Schlange kriecht aus dem Staub am Boden der Vitrine, der an ihr erdhaftes Wesen erinnert, an einem Zweig nach oben und häutet sich. Die Schlangenhaut ist Zeichen der Erneuerung und Wiedergeburt, Lebenssymbol, das sich ihrem chthonischen Wesen widersetzt. Auch der Zweig verwandelt sich vom Stab im unteren Bereich zu einem weitverzweigten Ast mit vielen Knospen, zu einem Bild des Neuanfangs, wie er im Alten Testament beschrieben wird.

Für Anselm Kiefer gehört die Schlange, die er auf Gemälden und in Installationen immer wieder darstellt, zu den Archetypen des kollektiven menschlichen Unterbewusstseins. Wie das Feuer ist sie in den großen Mythen der Menschheit präsent. Kiefer selbst ist von diesem Tier angezogen und abgestoßen: „Von der Schlange bin ich am meisten fasziniert und terrorisiert. … Schlangen sind mythologische Tiere. Im Alten Testament kommt die Schlange andauernd vor, die eherne Schlange. Und das Wunder bei Pharao: aus einem Stab eine Schlange zu machen.“

 

Opus Magnum - Für Ingeborg Bachmann, Das Sonnenschiff

Bachmann war die deutschsprachige Lyrikerin der Nachkriegsjahre, 1953 Gestundete Zeit, 1956 Anrufung des großen Bären.
Im fast zwanzig Jahre jüngeren Kiefer klingen diese Erfahrungen nach, das zerstörte Land, in dem er aufwuchs, die Spielplätze waren Ruinen.
Das ist das Offensichtliche. Aber die eigentliche Verbindung zwischen Kiefer und Bachmann liegt tiefer.

»Alle Kunst, so scheint mir, entsteht daraus, dass sich der Künstler der Welt unsicher ist. Diese Welt passt nicht zu ihm und er passt nicht in sie, er fühlt sich fremd, er glaubt, er gehöre nicht dazu. Er versucht,
das alles einmal zu verstehen, die Welt für sich zu ordnen und durch Musik, Kunst oder das Schreiben die Wahrheit zu finden.«

Ferdinand von Schirach

 

Mit dem Titel und der Widmung der Vitrine bezieht Anselm Kiefer sich auf das Gedicht Die große Fracht von Ingeborg Bachmann, das 1953 in dem Gedichtband Die gestundete Zeit veröffentlicht wurde:

Die große Fracht

Die große Fracht des Sommers ist verladen
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.

Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Galionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Ingeborg Bachmann

 

Das Sonnenschiff scheint in Kiefers Vitrine schon gestrandet und gesunken. Zwischen dem grauen Vulkangestein glüht es auf, als würde es die Strahlen der untergehenden Sonne reflektieren.
Sein Blütenschmuck dagegen ist grau und vertrocknet. Kiefer nimmt die Todes- und Lichtmotive des Gedichtes von Ingeborg Bachmann auf.

Opus Magnum - Das Rauschen der Zeit, Für Ossip Mandelstam

»Ein rostiges Gebläse, Gerätschaft einer untergegangenen Epoche, ist neben einem unlesbaren Folianten aufgebaut. Die Zeit blättert in ihrem Buch aus Blei. Dabei erstarren die wogenden Seiten.
Es ist ganz still.«

Patricia Görg

 

Das Rauschen der Zeit, von Walter Benjamin nicht als Fortschritt, sondern als eine einzige Folge von Katastrophen geschildert, lässt sich mit Ossip Mandelstams Erinnerungen verbinden, die 1925 unter eben diesem Titel erschienen. Sie sind im Rückblick entstanden und beschreiben die Welt seiner Kindheit um die Jahrhundertwende.
Ossip Mandelstam wuchs in einer russisch-jüdischen Familie in Pawlowsk und Sankt Petersburg auf. Seine Erinnerungen beschreiben poetisch und bruchstückhaft eine Welt, die nach der Oktoberrevolution in Trümmern lag. Er selbst fiel den Säuberungen unter Stalin zum Opfer und starb 1938 nach jahrelanger Haft in einem Straflager.
Neben dem Buch Anselm Kiefers liegen Lehmklumpen, aus denen Zähne und ein kleines bleiernes Kleid als stille Zeugen historischer Rückschritte und Verbrechen herausragen. Sie lösen das Geheimnis des Buches nicht, aber sie lassen es in einem trüben Licht erscheinen.

Anselm Kiefer, Opus Magnum – Liliths Töchter, 2015, Kiefer-Sammlung Grothe im Franz Marc Museum © Anselm Kiefer, Foto: collecto.art

Opus Magnum - Liliths Töchter

ein Kleid aus Hanf eine Brust
ohne Kind Frau ohne Wunder
um sich gehüllt ein Weltgewölbe
Hohlraum geschorenes Haar
höre wie behaglich es sein muss
in den Häusern jenseits aber sie
Bewohnerin einer Stadt im Staub
hebt nur den Blick steigt nicht auf
trägt Blei aus und weiß nicht
wohin wer wollte schon wissen
wie viel Abgrund im Fliegen
wie viel Trauer im Himmel
zerbricht wie die letzte Erste
von ihnen ging mit gebeugtem
Rücken vom Körper vertagt
um im Flüstern emporzukommen
dennoch

Nora Bossong

 

Liliths Gewand hat einen weiten Rock, aus dem scheinbar unaufhaltsam kleine Kleider unterschiedlicher Größe herausfallen. Lilith gebiert zahllose Kinder. „Sie sammelt“, dem Mythos zufolge, „den Samen der Männer ein und macht daraus Teufelchen. Lilith ist das, was bei Faust der Geist ist, der verneint. … Sie ist keine Gegenbewegung, sondern das in Gott selbst enthaltene Gegenteil, die Personifikation des in Gott selbst enthaltenen Gegenteils.“ Aber Lilith, apokryphen Texten zufolge die erste Frau Adams, die sich ihm nicht, wie später Eva, unterordnen wollte, ist nicht nur negativ besetzt, sondern sie steht auch für die Befreiung der Frau aus patriarchalischen Strukturen, für Sinnlichkeit und Sexualität im Gegensatz zu Mütterlichkeit, Häuslichkeit, Unterwerfung.

Anselm Kiefer, Opus Magnum – Mohn und Gedächtnis, 2014, Kiefer-Sammlung Grothe im Franz Marc Museum © Anselm Kiefer, Foto: collecto.art

Opus Magnum - Mohn und Gedächtnis

Am 20. Juni 1949 schrieb Paul Celan aus Paris an die geliebte Ingeborg Bachmann in Wien: “…spät komme ich in diesem Jahr. Doch vielleicht nur deshalb so, weil ich möchte, dass niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße, auf Deinen Geburtstagstisch stelle.“

Klaus Reichert

„Der – wie in ungefährer Erinnerung – falsch geschriebene Titel der Vitrine „Moon und Gedächtnis“ bezieht sich auf den 1952 erschienen Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ von Paul Celan, eine Anthologie, die auch das Gedicht „Todesfuge“ enthielt, das sich metaphernreich auf den Holocaust bezieht.

Die Vitrine Anselm Kiefers, die mit einem oberhalb angebrachten Schild Paul Celan gewidmet ist, enthält ein Gewirr aus übergroßen Mohnblumen, das an den Brief der 22jährigen Ingeborg Bachmann denken lässt, die ihren Eltern schreibt, dass der Dichter Paul Celan sich in sie verliebt habe. Ihr Zimmer sei ein Mohnfeld, denn er überschütte sie mit dieser Blumensorte. Dieses Mohnfeld, so scheint es, lässt Anselm Kiefer aus einem aufgeschlagenen Buch aus Blei wachsen. Die Blumen ersetzen die Buchstaben und Schriftzeilen auf den leeren Seiten des Buches und verweisen umso eindeutiger auf dessen verlorenen Inhalt.“