Bilder-Zoom

Immer freitags möchten wir Sie einladen einen nahen Blick
auf die schönsten Werke unserer Sammlung zu werfen.

Freitag, 29. Mai

Paul Klee: Tropischer Garten

Was könnte hinter der Mauer verborgen sein, hinter diesem kleinen Aufbau, der entstand, indem vorsichtig Stein auf Stein geschichtet wurde, damit alles im Gleichgewicht bleibt?

Die Mauer ist bedroht. – Nicht von einer Fehlkonstruktion, sondern von einer überbordenden Blütenpracht, die von der Mauer nicht verborgen wird, sondern die sie überwuchert. Rote, gelbe und blaue Pflanzen sprießen in alle Richtungen. Der Gegensatz zwischen der sorgsam aufgeschichteten Ziegelmauer und den Blatt- und Blütenformen ist umso größer, als die Pflanzen in Nahsicht gezeigt werden. Sie geben den Blick in Blütenkelche frei, lassen Fruchtstempel, spiralig aufgerollte Knospen und spitze, sich entfaltende Blätter erkennen. Klees Tropischer Garten ist ein Ort der Fruchtbarkeit, des unausgesetzten Entstehens und Wachsens. In einer Art Urbewegung überwinden die Pflanzen die ihrem Wachstum entgegengesetzte Erdanziehungskraft, während die Mauer, Sinnbild des künstlerisch nachahmend Geschaffenen, den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen bleibt. Sie wird zerfallen und schließlich wird die Natur sie zerstören.

Paul Klee, Tropischer Garten, 1919
Bleistift, Tusche und Ölfarben auf Pappe, 33,5 x 39,5 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See
Stiftung Etta und Otto Stangl, Foto: collecto.art

Freitag, 22. Mai

Alexey von Jawlensky: Die Bucklige

Eine bunte Maske blickt uns an: die Augen, lila umrandet, sind grün gefärbt mit blauer Pupille. Die Lider darüber Rot bis Orange. Der Mund dunkelviolett. Die Gesichtsfarbe grünlich. Die Augenbrauen unterschiedlich: ein Strich und ein Bogen.

Es ist das Gesicht einer jungen Frau, dass trotz der maskenhaften Züge und der fremdartigen Farbigkeit eine melancholische Ausstrahlung hat. Der Blick der Buckligen scheint traurig und gedankenverloren in die Ferne gerichtet. Die unnatürlichen Farben ihres Gesichtes lassen diese Stimmung besonders intensiv erscheinen.

Zum ersten Mal habe ich damals verstanden zu malen, nicht das, was ich sehe, aber das was ich fühle“, schrieb Jawlensky in Erinnerung an einen Aufenthalt in Südfrankreich, 1905.

Um das Gemälde ganz anzusehen, bitte auf die Lupe clicken.

Alexej von Jawlensky, Die Bucklige, 1911
Öl auf Malkarton, 54 x 49 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See
Dauerleihgabe aus Privatbesitz
Foto: Walter Bayer, München

Mystischer Kopf: Rabenflügel III, 1918

Die Farbe wird zum Ausdrucksträger. Sie vermittelt Emotionen. Für Jawlensky, der sich bis zum Ende seines Lebens auf das Malen des menschlichen Gesichtes konzentrierte, gilt das ganz besonders. Seine Bildnisse werden immer abstrakter. An die Stelle individueller Gesichtszüge tritt der Ausdruck des Gesichts, der durch die Farben vermittelt wird. Das lässt sich an den Titeln von Jawlenskys Abstrakten Köpfen ablesen. Mystischer Kopf: Rabenflügel etwa ist ein melancholisches Gesicht in dunklen geheimnisvollen Farben.

 

Alexej von Jawlensky, Mystischer Kopf: Rabenflügel III, 1918
Öl auf Karton, 27 x 17,8 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See, ahlers collection
Foto: Franz Marc Museum

Dienstag, 12. Mai

Else Lasker-Schüler: Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz von Theben

Eine silberne Schlange hat sich unter orientalischen Klängen in rhythmisch schlängelnden Bewegungen vom Boden erhoben. Ihre Haut glänzt geheimnisvoll. Bei näherer Betrachtung handelt es sich um Silberfolie, aus der Else Lasker-Schüler den Körper der Schlange geformt und aufgeklebt hat. Damit unterstreicht sie die märchenhafte Atmosphäre des Marktplatzes in Theben, wo der Schlangenanbeter im Kreis von faszinierten Zuschauern sitzt und das Reptil mit seiner Musik hypnotisiert.

Theben ist eine Erfindung der Dichterin, ein Phantasieland, als dessen Prinz sie sich stilisierte, während sie Franz Marc die Rolle des Blauen Reiters zuwies. Ihre imaginäre Existenz in Theben ermöglichte Else Lasker-Schüler eine Selbstinszenierung, die zwischen männlich und weiblich, Dichtung und Zeichnung, Vergangenheit und Gegenwart, Imagination und Realität oszillierte und die sie im Kreis der männlichen Künstlerkollegen unübersehbar machte.

 

Else Lasker-Schüler, Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912 (Detail)
Ölkreide, Tusche und Collage auf Pergamentpapier, 27,5 x 22,5 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See, Franz Marc Stiftung
Schenkung der Miterbengemeinschaft nach Etta Stangl
Foto: collecto.art

 

Else Lasker-Schüler, Jussuf Prince Tiba, 1913

Jussuf Prince Tiba

In ihrer berühmten Korrespondenz des Jahres 1913 stellten der Maler und die Poetin auf illustrierten Postkarten dieses Reich jenseits bürgerlicher Konventionen und realer Zwänge dar.

 

Else Lasker-Schüler, Jussuf Prince Tiba, 1913
Postkarte an Franz Marc, 23.12.1913
Mischtechnik, 14 x 9 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See, Stiftung Etta und Otto Stangl
Foto: collecto.art

Dienstag, 5. Mai

August Macke: Café am See

Ein Mosaik aus schwarzen, blauen und weißen Rechtecken mit einem roten Akzent, eine abstrakte Komposition, die nichts darstellt, die aber eine Struktur für das gesamte Bild vorgibt. August Mackes Gemälde Café am See lebt von diesem Rhythmus des abstrakten rechten Bilddrittels und nimmt ihn in die Darstellung zweier sitzender Frauen, am Quai liegender Segelschiffe, eines Viadukts im Hintergrund auf.

Das Gemälde durch nächtliches Blau geprägt ist.Trotzdem ist es keine Nachtszene, sondern der blaue Fonds scheint auf eine Wasserfläche zu verweisen, über der helle Formen wie Lichtreflexe aufscheinen. Der Kontrast von Hell und Dunkel führt zu einem rhythmischen Dialog, zwischen den abstrakten Karees rechts im Bild, den beiden Segeln links und den dahinterliegenden hohen Bögen eines Viadukts.

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August Macke, Café am See, 1913
Öl auf Leinwand, 46,5 x 62,2 cm
Franz Marc Museum. Kochel a. See
Dauerleihgabe aus Privatbesitz, Courtesy Thole Rotermund Kunsthandel Hamburg
Foto: Walter Bayer, München

Das Aquarell

Die Autonomie der Formen und Farben in Bezug auf einen erzählerischen Inhalt wird deutlich im Vergleich des Gemäldes mit der Vorstudie in Buntstift und Aquarell. Auf dem Entwurf erscheinen die räumlichen Verhältnisse stimmig im traditionellen Sinn: Vorder- und Hintergrund sind deutlich zu unterscheiden, während sie auf dem Gemälde negiert und verwischt werden. Hierzu trägt auch eine andere Farbigkeit bei. Die Studie vermittelt durch helle Farben die Stimmung eines Sommernachmittags.

 

August Macke, Café am See, 1913
Aquarell und Farbstifte auf Velin, 30,4 x 40,2 cm
Privatbesitz Süddeutschland
Foto: Walter Bayer, München

Dienstag, 28. April

Gabriele Münter, Aus Schwabing

Wie ein Signal leuchtet das rote Kleid des kleinen Mädchens. Seine Gestalt ist nur angedeutet: Die staksigen Beine, der leicht gesenkte Kopf mit Mütze, der weiße Gegenstand – ein Blumenstrauß? Ein Muff? – in seiner linken Hand. Trotz der strahlenden Farbe seines Kleides wirkt es traurig.

Wenn der Blick sich weitet, erkennt man, dass die kleine Figur im Vordergrund des Gemäldes einen wichtigen roten Akzent setzt. Gabriele Münter hat einen grauen Vorfrühlingstag in Schwabing gemalt. Das Gras wächst schon und bildet eine große grüne Fläche im Vordergrund des Bildes, auf die der rote Fleck, das Kleid des Mädchens als Komplementärfarbe „antwortet“. Im Hintergrund bräunliche Hügel vor einem farblosen Himmel. Davor zwei Häuser in intensivem Rosa und Türkis. Gabriele Münter arbeitet auf ihrem Bild mit starken Farben und großen Kontrasten, ein Prinzip, das sie sich beim Pleinairmalen im Sommer 1908 erschloss: „Ich malte zusammen mit Jawlensky, der aus Frankreich nachimpressionistische Anregungen zu unmittelbarer Farbenwirkung … mitgebracht hatte.“ Die Farben haben in ihren Bildern nicht länger eine beschreibende, die Gegenstände bezeichnende Funktion, sondern sie werden zu Emotionsträgern, vermitteln Stimmungen. An diesem grauen Tag in Schwabing erschien ihr das Kind vielleicht als das einzig Lebendige, Bewegte, was sie durch intensives Rot markierte.

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Gabriele Münter, Aus Schwabing, 1910
Öl auf Karton, 25 x 35 cm
Franz Marc Museum, Kochel a. See, ahlers collection
Foto: collecto.art

Dienstag, 21. April

Ernst Ludwig Kirchner: Blaue Artisten

Steif und uniformiert sitzen die Herren – alle im dunklen Anzug mit blauer Krawatte – nebeneinander in einer Reihe. Sie sind Zuschauer eines besonderen Spektakels, dass die Normen ihrer bürgerlichen Welt durchbricht und das sich hoch über ihnen abspielt.

Dort schweben Trapezkünstlerinnen in enganliegenden blauen Trikots und auffallend geschminkt. Wie riesige exotische Insekten hängen sie in der Zirkuskuppel wie über einem Spinnennetz. Den Gesetzmäßigkeiten einer bürgerlichen Existenz enthoben, leben die Akrobatinnen in ihrer eigenen Welt, der Welt des Zirkus, des Theaters, des Cabarets, Orte, die die Maler des 1905 gegründeten Künstlerkreises Brücke ganz besonders anzogen. Ernst Ludwig Kirchners Gemälde bringt diese Faszination zum Ausdruck. Sein 1914 in Berlin entstandenes Gemälde ist voller Spannung. Mit seiner dissonanten, schrillen Farbigkeit, den spitzen, überlängten Formen und der ungewöhnlichen Perspektive, die uns aus der Zirkuskuppel in die Tiefe blicken lässt, spiegelt das Bild die Atmosphäre kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als alles den Atem anzuhalten schien.

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Ernst Ludwig Kirchner, Blaue Artisten, 1914
Öl auf Leinwand,119 x 89 cm
Franz Marc Museum, Kochel am See, Dauerleihgabe aus Privatbesitz
Foto: collecto.art

Dienstag, 14. April

Wassily Kandinsky: St. Georg

Auf den ersten Blick lässt sich nicht erkennen, was im farbigen Zentrum des Gemäldes von Kandinsky dargestellt ist. Erst der Titel hilft einem, den roten Punkt als den Kopf des hl. Georg, die dicke braune Linie als seinen Speer und die schwarzen, im Sprung gekrümmten Beine als die Vorderläufe seines ansonsten weißen Pferdes wahrzunehmen. Der legendäre Ritter, der die Altäre vieler oberbayerischer Barockkirchen schmückt, ersticht den Drachen, ein farbiges Ungeheuer, das sich unter dem Todesstoß am Boden krümmt. Kandinsky hat die christliche Symbolik umgedeutet: Der hl. Georg wird vom Verfechter des Guten zum Vorreiter für das große Geistige, die spirituelle Kraft, die, so die Hoffnung der Künstler im Kreis des Blauen Reiters, die Vorkriegsgesellschaft verändern würde. Mit Geistigen Gütern, der Kunst, der Musik, der Poesie, wollte man den Kampf gegen den Materialismus aufnehmen. In diesem Sinn ist der Drachen auf Kandinskys Darstellung nicht Symbol der Sünde, sondern er steht für das Materielle.

Kandinskys Gemälde ist ein Bild der Hoffnung und des Glaubens an die Möglichkeit der Veränderung, was durch die großen, in Weiß gehaltenen Partien des Gemäldes hervorgehoben wird. In seinem 1911 erschienen Buch „Über das Geistige in der Kunst“, schrieb Kandinsky: Das Weiß klingt wie Schweigen, welches plötzlich verstanden werden kann. Es ist ein Nichts, welches jugendlich ist oder, noch genauer, ein Nichts, welches vor dem Anfang, vor der Geburt ist.

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Wassily Kandinsky, St. Georg, 1910
Öl auf Leinwand, 96 x 106 cm
Franz Marc Museum, Dauerleihgabe, Courtesy W.Wittrock, Berlin
Foto: collecto.art

Dienstag, 7. April 2020

Franz Marc, Gazellen

Die von hinten gesehen Gazelle wirkt durchsichtig. Alle Kompositionslinien, die den Aufbau ihres Körpers in drei hintereinander liegende Abschnitte – Hinterteil, Körpermitte und Kopf – gliedern, sind sichtbar und scheinen über sie hinauszustrahlen in den umgebenden, unendlichen Raum.

Betrachtet man das ganze Bild, erweitert sich nicht nur das komplexe Liniengerüst aus Diagonalen, Vertikalen und Horizontalen, die sich durchkreuzen. Auch das Farbspektrum wird erweitert und neben dem blau-grünen Bildbereich ordnet Franz Marc Zonen in den strahlenden Grundfarben Gelb, Rot und Grün an. Hier entdeckt man weitere Tiere, eine gelbe, eine rote und eine blaue Gazelle. Ihre Körper ordnen sich der übergreifenden abstrakten Struktur unter, einer großen Bewegung, die viele kreisende Linien auszulösen scheinen. In seinen 1913/14 entstandenen großen Tierbildern, zu denen die Gazellen gehören, hat Franz Marc eine Idee verwirklicht, die er schon 1910 als das Ziel seiner Kunst formuliert hatte: “Ich suche einen guten, reinen, lichten Stil, … ein Empfinden für den organischen Rhythmus aller Dinge, ein pantheistisches Sichhineinfühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur, in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft …“

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Franz Marc, Gazellen, 1913/14
Tempera auf Karton, 55,5 x 71,3 cm
Franz Marc Museum, Kochel a.See
Dauerleihgabe aus Privatbesitz