Farbe als Ausdruck innerer Gesetzmäßigkeit –
Franz Marcs Farbtheorie
Franz Marc, Hocken im Schnee, 1911
Um 1910 löst sich Franz Marc radikal vom Naturalismus und entwickelt eine eigene, bewusst komponierte Farbordnung. In seinen Winterbildern experimentiert er mit Komplementärkontrasten, Farbsymbolik und optischen Prüfverfahren – Farbe wird zum eigenständigen Ausdrucksträger innerer Gesetzmäßigkeiten. Was wie stille Schneelandschaft erscheint, ist in Wahrheit der Beginn einer neuen, geistig verstandenen Malerei.
JESSICA KEILHOLZ-BUSCH
Um 1910/11 beginnt Franz Marc, sich konsequent vom Naturalismus und von der sogenannten Lokalfarbe abzuwenden. Zugleich bemüht er sich intensiv um eine theoretische Fundierung seiner Farbauffassung. Er setzt sich mit unterschiedlichen Positionen der zeitgenössischen Farbtheorie auseinander, darunter mit den Schriften von Alwin von Wauwermanns, der Physiologie der Farben von Ernst Wilhelm Brücke, der Farbenlehre von Wilhelm von Bezold sowie mit den Kontrasttheorien Michel Eugène Chevreuls.1
Doch Marc übernimmt keine dieser Lehren unverändert. Vielmehr verbindet er einzelne Gedanken mit seinen eigenen malerischen Erfahrungen. Theorie und Praxis gehen für ihn Hand in Hand.
Gegen jede Zufälligkeit
In Hocken im Schnee sind die scheinbar zufällig eingesunkenen Formen in ein geschlossenes Gefüge eingebunden; die Schneemulden im Vordergrund antworten wie ein Echo auf die Rundungen der Hocken. Die Darstellung verliert ihre erzählerische Funktion und wird zur Bühne für das Zusammenspiel der Farbflächen.
Marcs Winterbilder dieser Zeit – neben Hocken im Schnee auch Rehe im Schnee II oder der Liegende Hund im Schnee – zeigen eine zunehmende Abkehr vom Naturalismus. Schnee ist hier nicht einfach weiß, weil er so erscheint; Tiere sind nicht in ihren „richtigen“ Farben gemalt. Stattdessen entsteht eine neue Ordnung, in der Flächen, Kontraste und Farbmassen bewusst aufeinander abgestimmt sind. Marc selbst formuliert diesen Anspruch in einem Brief2 an seine Partnerin Maria Franck mit bemerkenswerter Klarheit:
Ich schalte heute jede Zufälligkeit aus meiner Malerei aus. Man darf auf der ganzen Leinwand nicht einen einzigen zufälligen Fleck finden.
– Franz Marc
Franz Marc, Rehe im Schnee II, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Schenkung Elly Koehler
Franz Marc, Liegender Hund im Schnee, ca. 1911, Städel Museum
Komplementärkonstraste
Zentral für Marcs neue Bildsprache ist der Komplementärkontrast. Er arbeitet mit Gegensätzen wie Blau und Orange, Rot und Grün oder Gelb und Violett. Diese Farben stehen einander nicht dekorativ gegenüber, sondern erzeugen Spannung. Marc prüft ihre Wirkung sogar mithilfe eines Prismas, das ihm als optisches Kontrollinstrument dient. Er beobachtet, ob sich die Farben im Nebeneinander gegenseitig steigern oder in ein trübes Grau kippen. „Es [das Prisma] dient mir, um meine gemalten Farben in ihrem Nebeneinander auf Reinheit der Wirkung zu prüfen“3, schreibt er. In diesem Vorgehen verbinden sich Experiment und Empfindung, Analyse und Intuition.
Die Schneelandschaften bieten für diese Untersuchungen ideale Voraussetzungen. Das Weiß des Schnees wirkt wie ein neutraler Grund, vor dem die Buntfarben klar hervortreten können. Es schafft Distanz zur Naturbeobachtung und ermöglicht eine neue Freiheit im Umgang mit Farbe. Weiß wird zum Ordnungsraum, der die Gegensätze ausbalanciert.
Farbsymbolik
In dieser Zeit denkt Marc intensiv über die symbolische Deutung der Farben nach, die er in einem berühmten Brief an August Macke festhält:
Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal, schwer.
– Franz Marc
Diese Zuordnungen sind keine starre Theorie, sondern Ausdruck eines inneren Erlebens. Blau steht für das Geistige, Gelb für Wärme und Licht, Rot für Erdenschwere und Widerstand. Wenn diese Farben aufeinandertreffen, entsteht ein Spannungsfeld, das über das Sichtbare hinausweist. In den Winterbildern zeigt sich diese Suche nach Gleichgewicht besonders eindrücklich: Das Gelb des Hundes hebt sich gegen das kalte Weiß-Blau des Schnees ab; warme und kühle Töne verschränken sich zu rhythmischen Bewegungen.
Die Ausdruckskraft der Farbe
Marc wird klar, dass er mit der Farbe eine neue Form des Ausdrucks gefunden hat. „Es gelingt mir allmählich, die Farben zu ‚organisieren‘, sie vollkommen zum Werkzeug des künstlerischen Ausdrucks zu machen, ohne jede Rücksicht auf ‚Wahrscheinlichkeit‘ und Lokalfarbe“4, schreibt er. Damit löst er die Farbe endgültig von der äußeren Wirklichkeit. Sie folgt nicht mehr der Natur, sondern inneren Gesetzen.
In dieser Haltung steht Marc im Zentrum der Künstlergruppe Der Blaue Reiter, die Kunst als Ausdruck einer geistigen Dimension verstand. Die Winterbilder von 1910/11 sind daher keine idyllischen Schneeszenen, sondern Laboratorien einer neuen Bildauffassung. Hier wird Farbe zur Struktur, zum Träger von Spannung und Harmonie, von Geist und Materie.
Aus dieser Phase entwickelt sich wenig später die gesteigerte Intensität der Tierbilder von 1911, etwa im Blauen Pferd I, in dem das Tier nicht einfach blau erscheint, sondern Blau verkörpert. So markieren die Winterbilder den Moment, in dem Marc beginnt, die Welt nicht mehr abzubilden, sondern neu zu ordnen. Farbe wird zum Ausdruck seiner inneren Vision – klar, leuchtend und von bewusster Komposition getragen.
Franz Marc, Blaues Pferd I, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Bernhard und Elly Koehler Stiftung 1965