Ich bin mein Stil

Künstlerbildnisse im Kreis von Brücke und Blauem Reiter
20. Juni bis 3. Oktober 2021

Seit der Renaissance ist die Darstellung des Künstlers – im Porträt oder Selbstbildnis – weit mehr als die Erfassung seiner äußeren Erscheinung. In ihren Bildnissen ging es den Künstlern um eine Standortbestimmung im Hinblick auf ihre Stellung in der Gesellschaft und den Anspruch ihrer Kunst. In diesem Sinn ist das Künstlerporträt immer auch Programm und erschließt sich vor dem Hintergrund der theoretischen Aussagen der Künstler. Künstlerbildnis und Kunsttheorie ergänzen sich wie zwei Seiten einer Medaille.

Dieses komplementäre Verhältnis spiegelt sich besonders deutlich in den Künstlerporträts der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Briefen und Tagebüchern, Programmen und Streitschriften zeigt sich das künstlerische Selbstverständnis, das sich zunehmend individualisiert, im Porträt aber auf traditionelle Modelle rekurriert: Klee als Versunkener, Kandinsky als Rhetoriker, Kirchner und Heckel als Zweifler und Melancholiker. – Hinter den neuen Attitüden verbergen sich oft alte Muster.

Indem die Ausstellung Künstlerbildnisse aus dem Kreis der Brücke und des Blauen Reiters zusammenbringt, wird sie die unterschiedlichen theoretischen Ansätze der beiden deutschen Avantgardebewegungen unterstreichen, zugleich aber nach dem gemeinsamen künstlerischen Ethos, gespiegelt im Künstlerporträt, fragen.

Während die Künstler der Brücke sich regelmäßig selbst und gegenseitig porträtierten und insbesondere Ernst Ludwig Kirchner viele eindrucksvolle Selbstbildnisse hinterließ, gibt es im Kreis des Blauen Reiters weniger Porträts. Das Geistige in der Kunst des Blauen Reiters rekurrierte weniger auf die Persönlichkeit des Künstlers und sein individuelles Empfinden als der spontane, aus der Emotion gespeiste schöpferische Akt, wie ihn die Brücke proklamierte.

Beiden Gruppierungen gemeinsam ist ein neuer Malstil, der eine neue Sicht der Welt reflektiert – die analytische und emotionale Durchdringung ihrer oberflächlichen Erscheinung im Blick des Künstlers. Sowohl die neue Malweise, geprägt durch eine intensive, kontrastreiche Farbigkeit, die spontane Geste, eine neue Auffassung von Raum und Volumen, als auch die Subjektivität des künstlerischen Blicks spiegeln sich in seiner (Selbst)Darstellung, die wiederum Reflex seines Werks ist. Dies wird in der Ausstellung wahrnehmbar durch die Gegenüberstellung von Bildnissen und zeitgleichen Werken der Künstler.

Neben den Künstlerbildnissen in Malerei und Graphik sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Fotografien der Künstler interessant. Weniger Introspektion als Selbstinszenierung sind diese Aufnahmen bewusst auf die öffentliche Wahrnehmung und damit auf das Ausstellungswesen und den Verkauf gerichtet. Auch diese Facette des Künstlerbildnisses wird in der Ausstellung eine Rolle spielen.