MIT ANDEREN AUGEN
24. März 2024 – 30. Juni 2024
Abschiedsausstellung von Cathrin Klingsöhr-Leroy mit 4 Kuratorinnen

Die Künstlerin Karin Kneffel, die Romanistin Barbara Vinken und die Kunsthistorikerinnen Cathrin Klingsöhr-Leroy und Julia Voss werfen einen frischen Blick auf die Sammlung des Franz Marc Museums. Die Ausstellung „Mit anderen Augen“ versucht mit einem unkonventionellen Ansatz neue Perspektiven zu öffnen: Vier Kuratorinnen sind dazu eingeladen, in der Sammlung des Franz Marc Museums Aspekte hervorzuheben, die sie in ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit aktuell beschäftigen. Dabei geht es nicht um eine klassisch kunsthistorische Sichtweise, sondern um einen Blick „von außen“.

Die Künstlerin Karin Kneffel inszeniert Bilder aus ihrer Serie Face of a woman, head of a child in Kombination mit Darstellungen von Mutter und Kind aus der Zeit des Expressionismus, mit Bildern und Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck, Paula Moderson-Becker, Max Beckmann, Franz Marc, Otto Müller.

Die Romanistin, Gender – und Modeforscherin Barbara Vinken kommentiert Werke von Else Lasker-Schüler, Otto Dix, Alexej von Jawlensky u.a. vor dem Hintergrund ihrer aktuellen Publikationen zum subversiven Charakter der Mode seit der französischen Revolution.

Die Kunsthistorikerin Julia Voss und Kennerin des Werks von Hilma af Klint, stellt Aquarelle dieser Künstlerin Bildern Wassily Kandinskys gegenüber. Beide waren zur gleichen Zeit, um 1910, Vorreiter auf dem Weg in die abstrakte Malerei – ohne dass sie sich jemals begegnet wären.

Cathrin Klingsöhr-Leroy, Direktorin des Franz Marc Museums, gestaltet ein Kapitel zur Spiritualität der Pflanzen. Im Zentrum steht eine Arbeit von Wolfgang Laib (Pollenberg), konfrontiert mit einem Gemälde von Paul Klee, „Wachstum der Nachtpflanzen“. Diese Werke wie die kalligraphischen Baumbilder von Leiko Ikemura oder die Naturnotizen von Peter Handke, sowie die Skulpturen von Anna Moll zeigen einen achtsamen Blick auf die Pflanzen im Bewusstsein ihrer spirituellen Kraft.

Als jeweils in sich geschlossene thematische Räume werden diese Mikroausstellungen in die ständige Sammlungspräsentation eingeschoben und unterbrechen den gewohnten Parcours mit unerwarteten Sichtweisen und Perspektiven. Anstelle einer großen Ausstellung mit zahlreichen Leihgaben wird so der Versuch unternommen, neue Erkenntnisse über „fremde“ Blicke und ungewohnte Impulse zu gewinnen.

Alexejj von Jawlensky, Die Bucklige, 1911 (Detail)
Franz Marc Museum, Dauerleihgabe aus Privatbesitz
Foto: collecto.art

ROTWILD
FRANZ MARCS REHE
7. Juli 2024 – 15. September 2024

Unter den Tieren, die Franz Marc bevorzugt gemalt hat – Pferde, Katzen, Esel, Vögel – nimmt das Reh einen besonderen Platz ein. Dieses Motiv, das sein gesamtes Werk durchzieht, hat auch eine besondere symbolische Bedeutung.
Diese symbolische Qualität speist sich aus mittelalterlichen Märchen, romantischer Dichtung und Mythologie sowie Naturbeschreibungen, die das Reh als besonders graziles, anmutiges Tier schildern, schutzlos, scheu und mit großen braunen Augen. In Erzählungen wird es vermenschlicht und deutlich mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht.

Franz Marc unterstreicht auf seinen Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden diese Zuweisungen. Das Reh als Opfer der menschlichen Zivilisation ist ein zentraler Gedanke im Werk Franz Marc, der in Sindelsdorf und Ried selbst zwei zahme Rehe besaß. Es ist auch ein Topos, der sich durch die Darstellung des Tiers in sämtlichen Epochen und Medien zieht. Von Gustave Flaubert über Georg Trakl bis zu Walt Disneys Bambi (1942, dt. 1950) wird das unschuldige Reh der Grausamkeit der Menschen gegenübergestellt. Ausgehend von Marcs Gemälde Rote Rehe zeigt die Ausstellung, dass auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Bedeutung von Reh und Hirsch als Opfertiere latent bleibt. Dies gilt besonders für Joseph Beuys, für den der Hirsch von großer symbolischer Bedeutung ist und schon in den frühen Zeichnungen und Aquarellen des Künstlers häufig auftaucht. Bei Sigmar Polke allerdings, der ein stilistisch durchaus an Franz Marc erinnerndes Reh auf eine Wolldecke malt, die an Schullandheime, Jugendbewegung und Vertreibung denken lässt, geht es weniger um die Schutzlosigkeit des Tiers, als um eine Kritik kleinbürgerlicher Mythen, mit denen das Reh über Heimatfilm und Waldromantik auch verbunden ist.

Desweiteren ist eine Kooperation mit dem CAS (Center for Advanced Studies) in München geplant. Gezeigt wird die Mappe Jazz von Henri Matisse (1947) im Gegenüber zu Fotografien des Jazzlebens im Paris der Fünfzigerjahre.

Li.: Franz Marc, Getötetes Reh, 1913, Aus Skizzenbuch XXVIII, S. 20, Franz Marc Museum. Stiftung Etta und Otto Stangl. Foto: collecto.art

Re.: Sigmar Polke, Reh, 1968, Bayerische, Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2023/24. Foto: bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen