Mehr als Blumen –
Maria Franck-Marc im Fokus

Zwei Kinder sitzen auf einer Wiese, umgeben von bunten Blumen und Pflanzen. Ein Kind betrachtet eine weiße Blume, während das andere mit der Hand am Kinn sitzt; beide tragen langärmelige Oberteile und rote oder blaue Röcke. Das Gemälde ist farbenfroh und ausdrucksstark.

Maria Franck-Marc, Kinder zwischen Blumen, um 1912, Privatbesitz

Maria Franck-Marc wählte Motive, die lange als nebensächlich, privat oder dekorativ galten. Doch gerade an ihnen entwickelte sie eine freie, zunehmend experimentelle Bildsprache. Was vertraut erscheint, wird bei näherem Hinsehen zum Versuchsfeld für Farbe, Fläche, Rhythmus und Komposition.

JESSICA KEILHOLZ-BUSCH

Kinderbilder, Stillleben und Blumen in verschiedensten Variationen durchziehen die künstlerische Themenwelt Maria Franck-Marcs. Auf den ersten Blick wirken diese Motive vielleicht unspektakulär: ein Blumenstrauß, ein Krug, ein Garten, Kinder zwischen Blüten. Doch gerade in dieser vermeintlichen Alltäglichkeit liegt die besondere Spannung ihres Werks. Franck-Marc suchte ihre künstlerischen Möglichkeiten nicht im Monumentalen oder Heroischen, sondern im Nahen, Vertrauten und scheinbar Beiläufigen.

Lange wurden solche Bildgegenstände in der Kunstgeschichte geringer bewertet. Szenen aus dem häuslichen Umfeld galten häufig als privat, dekorativ oder intim – und damit seltener als Orte künstlerischer Innovation. Gerade für Künstlerinnen der Moderne hatte diese Wertung Folgen. Viele von ihnen arbeiteten mit Motiven aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld und wurden deshalb als randständig wahrgenommen, selbst wenn ihre Arbeiten formal höchst eigenständig waren.

Bei Maria Franck-Marc zeigt sich, wie problematisch diese Maßstäbe sind. Ihre Hinwendung zu Blumen, Stillleben und Kinderwelten mindert den künstlerischen Anspruch nicht. Im Gegenteil: Gerade diese Motive eröffneten ihr große Freiheit. Weil sie nicht stark narrativ festgelegt sind, können Farbe, Struktur, Rhythmus und Komposition in den Vordergrund treten. Das Alltägliche ist bei Franck-Marc daher nicht bloß Sujet, sondern Ausgangspunkt malerischer Untersuchung.

Malen als Erprobung

Franck-Marc selbst beschrieb ihre künstlerische Arbeit in Briefen an Elisabeth Macke mit bemerkenswerter Beiläufigkeit. Sie male „so für mich und probiere allerhand“1, schrieb sie. An anderer Stelle heißt es:

Ich habe jetzt allerhand Ideen für mich und es macht mir große Freude, beim Malen es auszuprobieren.
– Maria Franck-Marc

Was zunächst nach Zurücknahme klingt, lässt sich auch anders lesen: als Beschreibung einer künstlerischen Praxis, die Neugier, Wiederholung und Erprobung ins Zentrum stellt. Das Experiment ist bei Franck-Marc nicht nur ein Mittel auf dem Weg zu einem fertigen Bild. Es wird selbst zu einem künstlerischen Prinzip.

Ein impressionistisches Gemälde einer üppig grünen Pflanze mit blühenden roten Blüten, umgeben von anderen bunten Blumen und Blättern, im Freien in einem Garten. Kräftige, sichtbare Pinselstriche sorgen für einen lebendigen, strukturierten Effekt.

Maria Marc, Pfingstrosen, um 1909/10, Museum Wiesbaden

Ein lebhaftes Gemälde eines farbenfrohen Gartens mit üppigem Grün, weißen und roten Blumen sowie kräftigen violetten Blüten, wobei wirbelnde Pinselstriche einen lebendigen, strukturierten Effekt erzeugen.

Maria Franck-Marc, Abstrakte Blumenwiese, um 1910/11, Privatbesitz

Blumen bis zur Abstraktion

Besonders deutlich zeigt sich diese Haltung in ihren Blumendarstellungen. Franck-Marc behandelt das Motiv nicht einheitlich, sondern lotet seine Möglichkeiten immer wieder neu aus. Zwischen der atmosphärischen Flüchtigkeit einer Wiese mit Löwenzahn, den expressiven Blumenstücken und der nahezu gegenstandslosen Auflösung in ihren späten Arbeiten entfaltet sich eine große Spannweite. Sie reicht von konzentrierter Naturbeobachtung bis an die Schwelle zur Abstraktion.

In Blumenstück mit Dahlien wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Blüten, Blätter und Gefäße folgen keiner traditionellen Darstellung. Die Bildfläche zerfällt in überlagerte Farbfelder und facettierte Formen. Es gibt keine Vase, kein klar bestimmbares Arrangement, keine räumliche Ordnung im klassischen Sinn. Stattdessen entsteht ein dichtes Gefüge aus Farbe, Bewegung und rhythmischer Verdichtung.

Die Kunsthistorikerin Brigitte Salmen beschrieb diese Arbeiten als „teppichartige Kompositionen“ mit einer „abstrahierenden, prismenartigen Gestaltung kubistischer Elemente“.2 Tatsächlich sind in ihnen Anregungen durch Futurismus, Orphismus und Kubismus spürbar. Doch Franck-Marc übernimmt diese Impulse nicht einfach. Sie überführt sie in eine eigene malerische Sprache, in der das Pflanzliche nicht verschwindet, sondern sich verwandelt: aus botanischer Form wird Farbstruktur.

Maria Franck-Marc, zit. n. Hoberg, Annegret: Maria Marc. Leben und Werk. 1876–1955, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1995, S. 64.

Vgl. Salmen, Brigitte: »Maria Marc. Leben und Werk«, in: Maria Marc im Kreis des »Blauen Reiter«, Ausst.-Kat. Schloßmuseum Murnau, Murnau 2004, S. 15.
Ein lebhaftes, abstraktes Gemälde mit farbenfrohen Blumen und kräftigen grünen Blättern, verziert mit wirbelnden Pinselstrichen in Rot, Rosa, Blau, Violett und Gelb, die eine lebendige und energiegeladene Komposition ergeben.

Maria Franck-Marc, Blumenstück mit Dahlien, um 1913, Privatbesitz