Biografie –
Maria Franck-Marc
Maria Franck-Marc wollte Künstlerin werden, als dieser Weg für Frauen alles andere als selbstverständlich war. Sie suchte ihre Ausbildung an privaten Schulen und Künstlerinnenvereinen, fand in München Anschluss an die künstlerische Avantgarde und entwickelte eine eigene Bildsprache. Lange stand ihr Werk im Schatten Franz Marcs. Heute zeigt sich: Ihre Kunst gehört zu den lange übersehenen Positionen der Moderne.
JESSICA KEILHOLZ-BUSCH
Maria Franck-Marc wurde 1876 als Bertha Pauline Marie Franck in Berlin geboren. Sie wuchs in einem protestantisch-bürgerlichen Elternhaus auf und erhielt früh Unterricht in Musik und Kunst. Schon als Schülerin entwickelte sie den Wunsch, Künstlerin zu werden. Doch die Möglichkeiten waren begrenzt: Frauen ihrer Generation blieb der reguläre Zugang zu staatlichen Kunstakademien weitgehend verwehrt. Wer Künstlerin werden wollte, musste andere Wege finden.
Maria Franck absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Zeichenlehrerin an der Königlichen Kunstschule in Berlin und setzte ihre Studien später an privaten Ausbildungsstätten fort. Ab 1903 besuchte sie in München die Schule des Künstlerinnen-Vereins. Dort studierte sie in der Damenklasse von Max Feldbauer und nahm zeitweise Unterricht bei Angelo Jank und Marie Schnür. 1905 arbeitete sie in der Künstlerkolonie Worpswede unter der Anleitung von Otto Modersohn. Landschaft, Naturbeobachtung und eine antiakademische Bildauffassung wurden dort wichtige Impulse für ihr eigenes Arbeiten.
Ich fühle in mir Möglichkeiten, Kräfte und Begabungen, die mir keine Ruhe ließen und die zur Entfaltung drängten […]
– Maria Franck-Marc
Eine Begegnung mit Folgen
Im selben Jahr begegnete Maria Franck in München Franz Marc. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine enge, zunächst jedoch konfliktreiche Beziehung, in der persönliche Bindung und künstlerischer Austausch eng miteinander verbunden waren. Besonders der Sommer 1906 in Kochel wurde durch die spannungsreiche Konstellation zwischen Maria Franck, Franz Marc und Marie Schnür belastet. 1907 heiratete Marc Marie Schnür; im selben Jahr erkrankte Maria Franck an Rheumatismus, der ihre künstlerische Produktivität in den folgenden Jahren immer wieder einschränkte.
Dennoch arbeitete sie weiter. Sie beschäftigte sich mit Plakatentwürfen, lithografischen Techniken und japanischen Farbholzschnitten. Diese Auseinandersetzung mit Fläche, Vereinfachung und dekorativer Farbigkeit bereitete wichtige Entwicklungen ihres späteren Werks vor.
Malen in Lenggries
Eine besonders produktive Phase begann 1908 in Lenggries. Dort arbeiteten Maria Franck und Franz Marc über Wochen hinweg nebeneinander in der Landschaft. Beide malten direkt vor der Natur; helle Grün-, Gelb- und Weißtöne, sonnendurchflutete Farbigkeit und ein lebendiger Pinselstrich prägen die entstandenen Werke. Ihre Bildsprachen näherten sich in dieser Zeit stark an. Gleichzeitig entwickelte Maria Franck eigene Themenfelder. Neben Landschaften und Blumenbildern entstanden Stillleben und die Mappe Kinderbilder.
Im Umfeld des Blauen Reiters
1909 ließen sich Maria Franck und Franz Marc in Sindelsdorf nieder. Durch den Austausch mit August und Elisabeth Macke, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin löste sich das Paar zunehmend aus seiner künstlerischen Isolation. Maria Franck befand sich damit im Umfeld jener Kunstschaffenden, aus denen sich der Blaue Reiter entwickelte. Maria Franck-Marc war nicht nur Beobachterin aus der Distanz. Als im Oktober 1911 in Murnau die Vorbereitungen für den Almanach Der Blaue Reiter begannen, war sie gemeinsam mit Franz Marc sowie August und Elisabeth Macke vor Ort. Elisabeth Erdmann-Macke erinnerte sich später, auch an die traditionelle Rollenverteilung bei den Sitzungen:
Wir vier reisten also hin […] jetzt wurde der ‚Blaue Reiter‘ in langen Sitzungen mit Kunstdebatten, Aufrufen, Vorschlägen für die Vorworte usw. geboren. […] Jeder der Männer [arbeitete] sein Manuskript aus […], wir Frauen [schrieben] es dann getreulich ab.
– Elisabeth Erdmann-Macke
Maria Franck-Marc war also Teil des Entstehungszusammenhangs – doch ihre eigene künstlerische Stimme blieb im Almanach unsichtbar. 1912 war sie allerdings mit drei Arbeiten in der zweiten Ausstellung der Redaktionsgemeinschaft Der Blaue Reiter in der Galerie Hans Goltz in München vertreten.
Ein Werk im Schatten
1913 heirateten Maria Franck und Franz Marc; nach der Eheschließung führte sie den Namen Maria Marc. Der Erste Weltkrieg veränderte ihr Leben grundlegend. Franz Marc fiel 1916 bei Verdun. Maria Marc widmete sich fortan mit großer Energie der Bewahrung seines Werks. Sie organisierte Ausstellungen, betreute Werke und Dokumente, gab Schriften heraus und prägte die Rezeption Franz Marcs entscheidend mit.
Diese Aufgabe war für das Nachleben Franz Marcs von großer Bedeutung. Für ihre eigene Wahrnehmung als Künstlerin hatte sie jedoch Folgen. Öffentlich wurde Maria Marc lange vor allem als Witwe, Nachlassverwalterin und Bewahrerin des Werks von Franz Marc gesehen. Ihr eigenes künstlerisches Schaffen trat in den Hintergrund.
Neue Wege: Weberei und Bauhaus
Nach 1916 malte Maria Marc nur noch selten. In den 1920er-Jahren wandte sie sich verstärkt der Weberei zu. Am Bauhaus in Weimar und später in Dessau suchte sie neue Impulse für ihre textile Arbeit. Dort begegnete sie unter anderem Wassily Kandinsky, Paul Klee sowie Julia und Lyonel Feininger wieder. Ab 1929 lebte Maria Marc zeitweise in Ascona. Während des Zweiten Weltkriegs kehrte sie nach Ried bei Kochel zurück, wo sie 1955 starb.